this pain isnt love

Diese Artikel sind nicht von mir. Sie befassen sich lediglich mit dem Thema Pro Ana/Magersucht. Solltest du einen dieser Artikel als deinen eigenen wiedererkennen und du willst nicht, dass es hier zu lesen ist, melde dich bitte. Das Copyright liegt bei den Autoren.

 

 

Pro Ana

Pro-Ana (Pro Anorexia nervosa) ist eine antipsychiatrische Bewegung, die den Standpunkt vertritt, Magersucht sei zwar eine gefährliche Krankheit, die Betroffenen sind sich aber im klaren darüber und versuchen ein positives Leben MIT der Krankheit zu führen.

Magersüchtige versuchen durch strenges Hungern ihr persönliches Idealgewicht zu erreichen Als Pro-Anas bezeichnen sich Mädchen und vereinzelt auch junge Männer mit Magersucht, Wer sich als Pro bezeichnet, leidet oft schon seit langer Zeit an Magersucht. Pro sein bedeutet in dem Fall, dass Magersüchtige sich zu ihrer Krankheit bekennen, sich darüber bewusst sind, krank zu sein und versuchen, ein möglichst normales Leben mit ihr zu führen. Ana steht für Magersucht, Mia für Bulimie. Absichtlich klingen die Bezeichnungen wie Mädchennamen, da die Betroffenen sich nach einer kindlichen Figur sehnen. Oft werden sie als Stimme der entsprechenden Essstörung verwendet, da es vielen Mädchen oft nicht möglich ist, einen persönlichen Zugang zu sich und ihrem Körper zu finden und sie über die Namen Kontakt aufnehmen können. Der Slogan „Anorexia is a lifestyle, not a disease“ („Magersucht ist ein Lebensstil, keine Krankheit“ kann als Provokation verstanden werden, wird aber in den meisten Fällen eher kritisch gesehen, da es ein Krankheitsbewusstsein der Betroffenen gibt.

Betroffene nehmen häufig über das Internet Kontakt miteinander auf. Websites, die Pro-Ana verherrlichen, sind illegeal! Die meisten Pro-Ana-Websites sind ähnlich aufgebaut und bestehen aus einem Forum, über das sich die Betroffenen austauschen können, sowie motivierenden Inhalten wie Bildern und Zitaten, sogenannte Trigger. Die Bilder (Thinspirations) zeigen untergewichtige Stars, Menschen im Endstadium der Magersucht, aber auch extrem fettleibige Menschen als „Negativbeispiele“ oder Vorher-Nachher-Bilder. „Thinspiration“ sind Bilder und Fotos von dünnen Models (z.B. Kate Moss,Twiggy) bzw. "normalen" dünnen Stars wie Kirsten dunst, Nicole Richie, Gwen Stefanie, Privatfotos von Magersüchtigen, bei denen man schon jeden 'Knochen sieht,von Stars, die selber magersüchtig sind z.B. Mary-Kate Olsen oder Fotos von denjenigen, die für einen Film abnehmen mussten bzw. auch danach z.B. René Zellweger. Fotos werden als Ansporn und Motivation genommen und sollen einem wieder zeigen wofür man eigentlich kämpft.

Des Weiteren findet man Tipps zur Gewichtsreduktion (Ana`s 10 Gebote) und zur Ablenkung vom Essen bzw. dem Gedanken daran, oder einen Rechner zur Ermittlung des Body-Mass-Index. Zudem werden dort Tipps und Tricks ausgetauscht, inwiefern man die Zwangsernährung umgehen kann oder die Gewichtsanzeige der Waage beim Arzt ausgetrickst werden kann.

Zutritt wird einem nur gewährt wenn man nachweisen und glaubhaft vermitteln kann, bereits erkrankt zu sein und nicht nur eine Art "harte Diät" machen zu wollen, denn Pro sein bedeutet, sich mit der bereits aufgetretenen Krankheit zurecht zu finden, aber nicht erst noch krank werden zu wollen. Im allgemeinen werden keine Mädchen unter 16 aufgenommen um vor allem jüngeren Mädchen eine Möglichkeit zu bieten, wieder aus dem gestörten Essverhalten herauszufinden.

 

Pro Ana laut Wikipedia

Pro-Ana (von pro: für und Anorexia nervosa: Magersucht) und Pro-Mia (Bulimia nervosa: Ess-Brechsucht) sind Bewegungen von Mager- beziehungsweise Ess-Brechsüchtigen im Internet. Sie entstanden Anfang des 21. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten und breiteten sich von dort auch nach Europa aus.


Überblick
Die Anhänger von Pro-Ana, fast ausschließlich junge Frauen, tauschen sich über spezielle Pro-Ana-Websites aus. Sie stellen dort die Magersucht bildhaft als extremes Schlankheitsideal dar, dem sie sich mit radikalen Maßnahmen nähern, um schließlich Zufriedenheit mit sich und ihrem Aussehen zu erreichen. Die Magersucht erhält dabei den Anklang einer Art der Selbstverwirklichung, der Souveränität und der Macht über den eigenen Körper, die gegen eine feindselige Umwelt verteidigt werden muss. Die Assoziation von „Ana“ mit dem Namen „Anna“ ist gewollt und steht für eine idealisierte Personifikation der Magersucht. Sie kommt insbesondere im „Brief von Ana“ zum Ausdruck, der sich auf den Webseiten der Bewegung als ein zentrales Manifest findet.


Interpretation
Zur Charakterisierung gibt es mehrere Ansichten: Die Literaturwissenschaftlerin Roxanne Kirkwood definiert Pro-Ana als eine Bewegung, die Magersucht als Wahl und Lebensstil statt als eine Krankheit ansieht. Dabei bemerkt Kirkwood aber, dass die Bewegung diesen Standpunkt nicht aktiv anderen Personen nahelegt. Der Soziologe Nick Fox spricht hingegen von einer Bewegung, deren Anhänger eine Heilung ablehnen („anti-recovery“.

Der Mediziner Mark L. Norris charakterisiert Pro-Ana als eine Internetbewegung, die Anorexia nervosa als vorteilhaft darstellt. In einer Studie hat Norris die Inhalte von zwölf Pro-Ana-Webseiten untersucht. Demnach enthielten sieben davon einen vorgeschalteten Hinweis (Disclaimer). Dieser forderte Personen ohne Essstörung auf, die Seite zu verlassen, enthielt die Angabe, dass es sich um ein Seite handelt, die die Pro-Ana-Bewegung unterstützt oder enthielt eine Aufforderung an Minderjährige, die Seite nicht zu betreten. Zentraler Bestandteil der Hälfte der Webseiten waren geschützte Webforen, in denen sich angemeldete und von einem Moderator zugelassene Besucher gegenseitig dazu animieren, weiter an Gewicht zu verlieren. Die Webseiten selbst beinhalteten Bilder und Zitate, die als Trigger (engl. für Auslöser) bezeichnet werden und die weiter zur impulsiven Verminderung des Gewichts bewegen sollen. Die Bilder, auch Thinspirations genannt, waren in allen bis auf einen der Fälle zu finden und zeigten Prominente (diese sind häufig mit Bildbearbeitungsprogrammen auf ein abgemagertes Aussehen retuschiert), Menschen im fortgeschrittenen Stadium der Magersucht, aber auch als Negativbeispiele fettleibige Menschen.

Daneben fanden sich bei acht der Seiten „Zehn Gebote“, Anleitungen zur Gewichtsreduktion, zur Ablenkung vom Essen und dem Gedanken daran, oder ein Rechner zur Ermittlung des Body-Mass-Index. Dazu kamen auf neun von den Seiten Gedichte und Kurzgeschichten und auf fünf der Seiten allgemeine Informationen zu Essstörungen und Links zu verschiedenen Institutionen oder anderen Pro-Ana-Seiten. Nur eine der untersuchten Seiten bezeichnete Anorexia nervosa als Wahl eines Lebensstils („lifestyle choice“, während fast die Hälfte der Seiten-Betreiber diese als Mittel zur Unterstützung von Menschen mit Essstörungen sahen.

Nach der Darstellung einer magersüchtigen Studentin, die von ZEIT online zu ihrer Sicht befragt wurde, sind sich die Pro-Ana-Anhänger bewusst, dass Magersucht eine lebensbedrohliche Krankheit ist. Die meisten von ihnen haben nach ihrem Eindruck bereits eine Therapie gemacht. Die Studentin glaubt, dass die Betroffenen deshalb an Pro-Ana teilnehmen, weil sie vor der Magersucht resigniert und die Hoffnung auf eine Heilung aufgegeben haben. Elisabeth Bader und Barbara Novak von der Österreichischen Gesellschaft für Essstörungen sehen die Situation weitaus kritischer: Sie glauben, dass Pro-Ana-Anhänger „[die Anorexie] oftmals gar nicht als Krankheit anerkennen und sich der Begleiterscheinungen und Folgekrankheiten nicht bewusst sind.“

Pro-Mia entspricht, abgesehen vom Bezug auf Bulimie, dem Wesen nach Pro-Ana. Die Anhänger beider Bewegungen schlagen trotz ihres starken Internetbezugs auf ihren Webseiten auch Armbänder als Erkennungssymbole vor: in Rot für Anhänger von Pro-Ana, in Lila für Pro-Mia. Darauf aufbauend hat sich eine Farb- und Form-Symbolik entwickelt. Blau soll für Selbstverletzendes Verhalten (SVV, „Ritzen“ stehen, Schwarz für Depressionen, Grün für die Teilnahme an einer Therapie, Weiß für selbst auferlegtes Fasten und Hungern, Rosa bzw. Pink für die DSM-IV-TR-Kategorie der „Eating disorder not otherwise specified“ (ED-NOS). Die Libelle stellt bildhaft den verzerrten Blick bezüglich Körperbau-Ästhetik dar, die Daunenfeder bezüglich Gewicht


Reaktionen
Die Existenz der Bewegung hat in den Medien und insbesondere bei Organisationen, die sich mit Essstörungen auseinandersetzen, mehrfach verstörte bis warnende Reaktionen ausgelöst. Elisabeth Bader und Barbara Novak von der Österreichischen Gesellschaft für Essstörungen sehen Pro-Ana als „eine Verherrlichung der Magersucht bis hin zur fanatischen Hingabe an diese.“ Georg Ernst Jacoby, Chefarzt an der Klinik am Korso, eine Fachklinik, die auf Essstörungen spezialisiert ist, warnt vor Pro-Ana-Webseiten und vertritt den Standpunkt, dass sie sehr gefährlich seien, weil sie nicht nur Magersüchtige weiter in die Krankheit hineinzögen, sondern weil dadurch auch Gesunde zur Magersucht verführt werden könnten. Nach seiner Auffassung sollten diese Webseiten analog zur Zigarettenwerbung verboten werden. Er sieht außerdem durch Pro-Ana den Konsens in Gefahr, dass Magersucht eine gefährliche Krankheit ist. Die Academy for Eating Disorders, die nach eigenen Angaben der weltweit größte Berufsverband von Personen ist, die sich mit Essstörungen beschäftigen, weist neben den schwerwiegenden körperlichen Konsequenzen insbesondere darauf hin, dass es eines der Diagnosekriterien der Magersucht ist, dass die Betroffenen sie verleugnen oder nicht ernst nehmen. Der Verband geht davon aus, dass Pro-Ana-Webseiten dies verstärken können und fordert eine nachhaltige Behandlung von Essstörungen.

Die Psychologin Julie Hepworth, die eine kontrovers diskutierte Studie über die Teilnahme an Pro-Ana-Webseiten erstellt hat, folgert dagegen, dass die Ängste übertrieben sind. Bei den über einen Zeitraum von sechs Wochen hinweg untersuchten Webseiten hatten sich demnach die Teilnehmer nicht in ihrem Verhalten gegenseitig weiter angeheizt, sondern sich durch den sozialen Kontakt eine emotionale Stütze gegeben, die ihnen half, ihre Probleme besser in den Griff zu bekommen. Die Studie berichtet weiter, dass die Webseiten weniger von Magersüchtigen genutzt wurden, sondern eher von Frauen, die lediglich Informationen zum Abnehmen suchten.

Karen Dias, Studentin am interdisziplinären Centre for Women's and Gender Studies der University of British Columbia, nimmt explizit eine von der herrschenden Interpretation von Pro-Ana abweichende Sicht ein. Sie sieht die Gefahren der Magersucht als solche, stellt aber fest, dass die konventionelle Therapie schlechte Erfolgsraten habe. Von Essstörungen betroffene Frauen auf Pro-Ana- oder Pro-Mia-Webseiten könnten demnach dort einen Zufluchtsort finden, an dem sie der beständigen Kontrolle und Steuerung durch ihre Umgebung entzogen sind, und wo sie die Definitionshoheit über ihr Erleben haben. Die Tatsache, dass bestimmte Webseiten vom Netz genommen werden, an anderer Stelle aber ähnlich wieder auftauchen, zeige wie sehr die Betroffenen einen Ort suchen, wo „Geschichten über ihren Körper erzählt“ werden können. Hier könnten sie Dinge sagen, die sie (noch) nicht ihrer Familie oder einem Therapeuten sagen können. Die typische Isolation der Essgestörten könne so durchbrochen werden. Das Ausformulieren von Gedanken zum Thema Anorexie könne es der Betroffenen erleichtern, sich von diesen Gedanken letztlich zu distanzieren. Schließlich interpretiert Dias Pro-Ana als subversiv und diskutiert, ob sie Teil einer „dritten Welle des Feminismus“ sein könnten.

Nach Bemühungen der National Association of Anorexia Nervosa and Associated Disorders (ANAD) mit einer Kampagne per Fax und ähnlichen Bemühungen weiterer Verbände sind Angelfire, Yahoo, MSN, Lycos, MySpace, Tripod und andere Anbieter dazu übergegangen, Pro-Ana-Webseiten und Dienste zum Betrieb entsprechender Web-Gemeinschaften vom Netz zu nehmen, die über ihre kostenlosen Angebote öffentlich zugänglich gemacht wurden. Sie taten dies auf der Grundlage der ethischen Richtlinien in ihren Nutzungsbedingungen. Einige Anbieter sollen dies jedoch auch mit dem Hinweis auf Meinungsfreiheit abgelehnt haben. Die ANAD hat für die Suche nach Pro-Ana-Webseiten und die Benachrichtigung der entsprechenden Diensteanbieter sogar eine Vollzeitkraft eingestellt. Ebay hat Produkte, die im Zusammenhang mit der Bewegung stehen (Erkennungsschmuck), auf seine Liste der unerlaubten Handelsgüter gesetzt.

Abgrenzung
Weiter als Pro-Ana und Pro-Mia geht die Antipsychiatrie, eine Bewegung, deren Anhänger jegliche Einordnung in die medizinische Kategorie der psychischen Störung ablehnen, darunter auch Essstörungen. Sie vertritt stattdessen den Standpunkt, dass solche Einordnungen lediglich eine gesellschaftliche Konstruktion darstellen.

Nach der Beschreibung der Betreiberin der Webseite pure ana, die selbst magersüchtig ist, werden die Bezeichnungen „Magersucht“ und „Ana“ in der Pro-Ana-Bewegung als unterschiedliche Begriffe für zwei Blickwinkel verstanden, für die Krankheit und für ihr Verständnis als Lebensstil. Für sie sind diese jedoch „im Grunde genommen ein und dasselbe Phänomen“. Weil das Verständnis der Magersucht als Lebensstil eine mangelnde Krankheitseinsicht darstellt, glaubt sie, dass es selbst Teil der Krankheit ist, wobei sie auf die Übereinstimmungen mit den Diagnosekriterien hinweist.

Schaut nicht weg! Julias Appell an alle Eltern


Magersucht: Eine Schülerin (15) schreibt offen über das, was viele nicht wahrhaben wollen und verdrängen. In Internet-Foren erheben magersüchtige Mädchen ihre Krankheit zum einzig wahren Lebensgefühl. Meist aber sind sie einsam, suchen Liebe und Anerkennung. Julia (15) hat dazu recherchiert und geschrieben. Ihr Lehrer empfahl den Text wegen seiner Tiefe und Eindringlichkeit für das Abendblatt-Projekt "Schüler machen Zeitung", bei dem zur Zeit 1400 Schüler aus mehr als 50 Schulen mitmachen. Wir drucken Julias Report ungekürzt und ausnahmsweise an dieser Stelle.

Von Julia Salkowski

Hamburg -
Im Internet treffen sich täglich Magersüchtige mit Decknamen wie Schneewittchen oder Skinny. Sie berichten von ihren Erlebnissen am Tag. Für alles gibt es verniedlichende Abkürzungen. Thera steht für Therapie und FA für Freßattacke. Pro Ana heißt Pro Anorexia also "für Magersucht". Anhänger dieser Bewegung sind demnach für Magersucht und stolz darauf, unter Magersucht zu leiden. Die Betroffenen sehen sich selbst nicht als Kranke. Das Motto in einigen ihrer Foren lautet: "Magersucht ist ein Lifestyle und keine Krankheit."

Ich war einige Zeit in so einem "Pro-Ana-Forum" Mitglied. Eine bekennende Ana schreibt dort: "Heute habe ich Ana sehr enttäuscht. Ich hatte eine riesen FA. Es ist nur gerecht, daß sie mich jetzt mit diesen höllischen Schmerzen bestraft. Ich habe es nicht anders verdient." Das hat mich schon leicht erschreckt. Ana ist oft die beste Freundin und wird religionsartig verehrt. Es gibt zehn Pro-Ana-Gebote, ein Glaubensbekenntnis und sogar Gesetze. Die meisten Anas kennen sie alle auswendig und halten sie strikt ein. Verstoßen sie gegen eine Regel, bestrafen sie sich mit exzessivem Sport oder ein paar Tagen fasten.

Sie leben in ihrer eigenen Welt, führen oft ein Doppelleben. Vor der Familie oder Freunden geben sie sich normal, haben meist sehr gute Noten in der Schule und machen es auch sonst allen recht, hat mir eine Psychologiestudentin erzählt. Unbemerkt aber denken sie die ganze Zeit darüber nach, wie viele Kalorien sie schon zu sich genommen haben und hassen sich für jede einzelne Kalorie. Eins der Gebote lautet. "Dünn sein ist wichtiger als gesund sein." Daran ist sehr deutlich, daß die Gesundheit keine Rolle mehr spielt. Sie ist egal, ein Opfer, das gebracht werden muß, um das Ziel zu erreichen.

Ist der Tod der Preis für die Schönheit? 90 Prozent der weiblichen Teenager wollen abnehmen, und 73 Prozent der Frauen finden ein Gewicht unterhalb des Normalgewichts am attraktivsten. Diese sind nicht alle magersüchtig, aber es ist ein deutliches Zeichen.

Magersucht ist kein Lifestyle und auch kein Weg, um möglichst schnell ein paar Kilo abzunehmen. Magersucht ist eine gefährliche Krankheit. 10 Prozent der Betroffenen sterben und 30 Prozent sind chronisch krank. Dabei ist die Dunkelziffer sehr hoch, und die Betroffenen sind viel zu jung zum Sterben.

Pro Ana ist eine Bewegung, deren Ursprung in den USA liegt. Es gibt keine Zahlen, die belegen, wie viele Menschen ihr angehören, ob es nur Hunderte oder gar Tausende sind. Fest steht aber, daß es zu 95 Prozent Mädchen sind. Ihre Ziele sind Perfektion, Schönheit und Kontrolle über sich selbst. Extreme Schlankheit oder auch Dürrheit ist in ihren Augen schön und das höchste zu erreichende Ziel. Der Weg dorthin ist zerstörerisch, aber das spielt für sie keine Rolle. Sie wissen, was sie ihrem Körper antun und hassen ihn manchmal auch.

Das Selbstwertgefühl der meisten Pro Anas ist sehr gering. In ihrem Glaubensbekenntnis heißt es unter anderem: "Ich glaube, daß ich die schlechteste, wertloseste und nutzloseste Person bin, die je auf unserem Planeten gelebt hat, und daß ich es absolut nicht wert bin, die Zeit und Achtung von irgendjemandem zu beanspruchen." Sie sehen ihre guten Seiten nicht und fühlen sich durch den Druck in Familie und Schule bestätigt. Oft machen sie alles für andere, um Anerkennung zu bekommen und akzeptiert zu werden. Nicht einmal die Familie und die engsten Freunde bemerken, daß sich da jemand direkt vor ihren Augen zu Tode hungert. Auch dies bestätigt sie in ihrer Annahme, daß sie keiner mag, daß sie keine Freunde haben und daß es sowieso keiner merken würde, wenn sie nicht mehr da wären. Aber Anas sind auch wahre Meister in der Geheimhaltung. Sie geben sich gegenseitig Tips und werden so nahezu unschlagbar darin, falsche Tatsachen vorzutäuschen. Skinny schreibt: "Ich setzte mich jeden Tag mit meiner Familie an den Tisch und tue so, als ob ich essen würde. Keiner merkt, daß ich oft tagelang nur Wasser trinke und etwas Obst esse. Das Essen, von dem sie glauben, daß ich es zu mir genommen habe, landet im Mülleimer oder wird in der Toilette heruntergespült. Manchmal bin ich selber erstaunt, daß es keiner merkt." Die Jugendlichen fühlen sich alleingelassen und von der Gesellschaft nicht verstanden. So suchen sie, vielleicht auch unbewußt, einen Ausweg. Dieser heißt zu oft Magersucht, also ein schrecklicher Selbstmord auf Raten.

Der Wunsch auszusehen wie ein Magermodel, z.B. Kate Moss, ist dabei die offensichtlichste Ursache. Tatsächlich sind die Gründe jedoch weitaus komplexer. Anas machen ihre Figur für alles, was schiefläuft, verantwortlich. Sie wissen sich nicht anders zu helfen und sind mit dem Erwachsenwerden überfordert. Werden sie von ihrem Freund verlassen, haben sie Probleme mit ihren Eltern oder in der Schule, denken sie sofort: "Wenn ich endlich dünn bin, wird alles besser." Dürrheit wird zum Allheilmittel ernannt. So schreibt Schneewittchen, die gerade von ihrem Freund verlassen wurde: "Wenn ich endlich mein Zielgewicht erreicht habe, nimmt er mich vielleicht wieder wahr. Vielleicht verliebt er sich wieder in mich und alles wird wie früher. Ich kann ja verstehen, daß keiner so ein fettes Ding wie mich mag." Dabei sind die meisten Pro Anas schon untergewichtig. Das ist ein großes Problem. Die Erwachsenen sind offensichtlich nicht in der Lage, uns Jugendlichen vernünftige Werte zu vermitteln.

So bekam ich in dem Forum eine Tragödie mit. Laura, mit der ich mich auch ganz gut verstand, wog bei einer Körpergröße von 173 cm nur noch 45 kg und fand immer noch, daß sie zu dick sei. Bei ihrem täglichen Trainingsprogramm brach sie öfter zusammen, weil sie keine Energie mehr hatte. Auf einmal hörten wir im Forum eine Weile nichts von ihr und machten uns Sorgen, da sie sonst fast jeden Tag da war und jemandem Bescheid sagte, wenn sie mal längere Zeit nicht konnte. Dann schrieb eine aus dem Forum, die sehr eng mit Laura befreundet war, einen Brief an diese, so wie sie es früher schon öfter gemacht hatte. Ein paar Tage später bekam sie eine Antwort. Aber nicht von Laura, sondern von ihrer Mutter. So erfuhren wir, daß Laura mit 43 kg ins Krankenhaus eingeliefert und künstlich ernährt wurde. Doch es war zu spät. Laura starb mit nur 18 Jahren an Herzversagen. Sie hatte ihren Körper durch jahrelanges Fasten und übertriebenen Sport total zerstört.

Warum muß das Leben zu vieler junger Menschen so enden? Warum gibt es in der Gesellschaft für so viele Jugendliche keinen anderen Weg, Sorgen und Gefühle auszudrücken? Ist das der Preis unserer "Wohlstandsgesellschaft"?

Ich glaube, daß es einen anderen Weg geben muß. Jeder Mensch und vor allem die Erwachsenen sollten mehr auf ihre Mitmenschen achten und den Kindern Sicherheit geben und ihnen vor allem vernünftige Werte vermitteln.

 

Meine Freundin Ana



Anorexia nervosa ist ein hässlicher Name. Wer möchte schon so heißen? Niemand. Viel zu lang, viel zu kompliziert. Da muss ein Kosename her. Etwas Einfaches und Freundliches. Ein Name, den man rufen kann, wenn man Hilfe braucht. Etwa, wenn der Weg durch den Gang im Supermarkt nicht enden will und die Hand sich schon gen Weingummi und Schokolade ausstreckt. Oder wenn außerhalb der Essenszeiten die Kühlschranktür ins Visier rückt und "öffne mich" ruft. Einfach sollte er sein und nicht zu lang: Ana. Ein hübscher Name für eine Krankheit.

Ana ist die Abkürzung für Anorexia nervosa, und Anorexia nervosa ist der Fachausdruck für Magersucht. Doch das ist Theorie. Für viele Magersüchtige ist Ana eine Freundin. Sie begreifen die Krankheit als Lifestyle. Der leichte Weg zu einem perfekten Körper: einfach nichts mehr essen. Hin und wieder erleiden sie Heißhungerattacken, dann stopfen sie wahllos alles in sich hinein, was ihnen in die Finger fällt. Aber das zwingt sie nur vorübergehend in die Knie: vor der Kloschüssel. Danach wird weiter gehungert.
Für Mediziner und Psychologen sind Magersucht und Bulimie kein Diätrezept, sondern eine Krankheit - in Deutschland gibt es laut dem Frankfurter "Zentrum für Ess-Störungen" etwa eine Millionen Opfer. Die Dunkelziffer ist groß. Für etwa 20 Prozent der Betroffenen endet sie mit dem Tod.

Die "Spiegelkinder" kann das nicht schocken. Denn sie wissen, was sie tun. In Deutschlands gleichnamigem und größtem Internetforum für Magersüchtige, Bulimiekranke und Fresssüchtige fasten sie um die Wette. Die 300 weiblichen Mitglieder sind alle zwischen zwölf und 30 Jahre alt und Teil eines geheimen Netzwerkes. Sie geben sich gegenseitig Tipps zum richtigen Kotzen, ordern per Sammelbestellung verbotene Medikamente aus den USA und ermutigen einander sich tot zu fasten - alles hinter passwortgeschützten Pforten.

Die Gründung des Forums liegt mehr als ein Jahr zurück. Am 17. März 2003 ging Marisa (alle Namen einschließlich der Pseudonyme geändert), die sich im Netz "Seraph" nennt, online. "Seraph" ist die Chefin, fast den ganzen Tag hält sie sich im Forum der Spiegelkinder auf. Leute kontrollieren, freischalten und wieder ausschließen - ihre Regeln sind hart. "Ich möchte keine Mädchen in meinem Forum, die nur mal schnuppern wollen, wie krank wir sind", schreibt sie. Nur in einem unabhängigen Chatroom will sie mit dem Kölner Stadt-Anzeiger kommunizieren. Ein Interview am Telefon oder gar im echten Leben lehnt sie ab. Auch den Zugang zum Forum will sie nicht gewähren.

Jede Bewerberin muss ihr zunächst eine Motivationserklärung schicken. "Es kommt nur rein, wer glaubhaft versichert, sich in den Bereich des Untergewichts hungern zu wollen." Zudem gilt Anwesenheitspflicht: Wer sich länger als ein paar Tage nicht im Forum aufhält, fliegt raus. Es ist halt ein Exklusivclub. Derer gibt es inzwischen mehrere in den unendlichen Weiten des World Wide Web. Fast wöchentlich entstehen neue Pro-Ana. Oft nennen sie sich in Anlehnung an ihr großes Vorbild, die Spiegelkinder, "Seelenkinder" oder "Muschelkinder".

Die Anonymität des Internets werde hier missbraucht, um eine Scheinwelt zu erschaffen, warnt Jan Nedoschill. Er ist Oberarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Erlangen und Gründer des Internetforums "Hungrig-Online", das virtuell Hilfestellungen aus der Magersucht bietet. "Die Medaille hat zwei Seiten: Wir von ‚Hungrig-Online’ kommen so an Mädchen ran, die noch nicht bereit sind für eine richtige Therapie, aber sich anonym schon mal mit der Krankheit konfrontieren." Die andere Seite seien die Pro-Ana-Foren, wo die Betroffenen sich gegenseitig hochschaukelten und jeden Kontakt zur Realität verlören.

Marisa sieht das anders. Sie ist stolz darauf, die Szene der Pro-Ana anzuführen. Ihren Job als Administratorin im Forum nimmt sie ernst - die Schule nicht. Eifrig tippen ihre Finger in die Computer-Tastatur, wenn sie auf die Fragen des Kölner Stadt-Anzeiger antwortet. Die 19-Jährige schreibt schnell und beinahe fehlerlos: "Meistens nehme ich zwei Finger, einer bringt´s schon gar nicht mehr." Sie meint nicht das Tippen. Zwar leidet sie unter Magersucht, aber die Bulimie spielt bei ihrem Bestreben, so schlank wie möglich zu sein, eine Helferrolle: Nach jeder Fressattacke zwingt sie ihren Körper dazu, sich zu übergeben - mit zwei Fingern, nicht mit einem.

Danach, schreibt sie, fühle sie sich elend: "Dann bete ich." Dabei könne sie am besten entspannen. Marisa betet das Glaubensbekenntnis der Pro-Anas: "Ich glaube, dass ich die wertloseste, gemeinste und nutzloseste Person bin, die jemals auf diesem Planeten existiert hat." So beginnt es, es endet mit dem Tod. Faltet sie dabei die Hände? Nein, kommt prompt die Antwort, die Hände über der Brust zu falten finde sie abartig. Die seien "Werkzeuge des Teufels". Ihr breiter Mund mit der schmalen Unterlippe passe ins Bild, er sei "das Tor zur Hölle". Nie tue er etwas Sinnvolles, nie sage er etwas Wahres. Ehrlich, gibt Marisa zu, sei sie nur, wenn sie "Seraph" heißt - wenn sie im Forum ist. Nur hier traut sie sich, Aufmerksamkeit einzufordern. Nur im Internet fühlt sie sich sicher.

Die virtuelle Titelseite zu Marisas Reich ist schwarz: Hinter einem mit roten Rosen gespicktem Kranz aus Stacheldraht kauert ein Mädchen im Bikini. Sein Körper - ein mit Haut bespanntes Skelett. Jedes Mal, wenn sie sich einloggen, sehen die Teilnehmerinnen des Forums dieses Model und bewundern es. "Ich bin Pro-Ana", schreibt "Trauerflügelchen", "weil ich mich verabscheue, wenn ich nicht leide." Schmerzen sind ein Indikator für Erfolg. "Hunger schmerzt, aber hungern hilft", lautet eine Forumsregel.

Das Ziel ist ein Body Mass Index (BMI) unter 16. Eine Userin mit dem Nickname "Mondlicht" hat das erreicht. Im Forumsinternen Wettbewerb um den niedrigsten BMI liegt sie seit drei Monaten ungeschlagen vorn. Sie ist einen Meter und 78 Zentimeter groß und wiegt 42 Kilogramm. Ihr BMI: 13,26. Medizinisch gesehen ist "Mondlicht" eine Todeskandidatin. Ab einem BMI von 18 beginnt man von Untergewicht zu sprechen.

Jan Nedoschill von "Hungrig-Online" kennt Extrem-Fälle wie diesen: „Meistens ist die Todesursache bei so einem Untergewicht ein Herzstillstand, wenn dem Ganzen nicht ein Selbstmord vorausgeht."

Die Spiegelkinder setzen andere Maßstäbe: „Wow, tolles Gewicht", erscheint auf dem Bildschirm. Nur „Mondlicht“ selbst ist noch nicht zufrieden. Wenn sie morgens nach dem Aufstehen vor den ovalen Spiegel tritt, der über Seelenheil oder Todessehnsucht entscheidet, dann zittert sie vor Anspannung. Meistens packt sie letzteres Gefühl. Sie sieht nur Fett! Für den Moment hilft ein Trick: Sie stellt sich seitlich vor den Spiegel, auf die Zehenspitzen, - streckt die Arme nach oben und lässt den Oberkörper leicht nach hinten abknicken.

"Ich genieße diesen Anblick ein paar Sekunden lang und begebe mich dann resigniert wieder in meine Normalposition. Mein Ziel ist es, in einer normalen Position genauso auszusehen wie in der gestreckten – mit all diesen Knochen und Rippen und dem nach innen gewölbten Bauch", schreibt sie.

Ihr Tipp findet schnell Anhänger. Sogar die Chefin verteilt ein Lob: "Ich probiere es auch direkt aus", tippt "Seraph" in die Tastatur. Mit den meisten Mädchen im Forum versteht sie sich blind, ein paar hat sie persönlich kennen gelernt. "Das sind alles meine Freundinnen", sagt "Seraph". Im echten Leben, zu Hause in München, ist sie einsam. Die 19-Jährige spricht nicht über ihr Lebensmodell, jeder nicht virtuelle Kontakt bleibt für sie oberflächlich - und kann gefährlich werden. Droht sich eine Beziehung zu vertiefen, wird sie beendet. Ihr letzter Freund merkte irgendwann, dass sie kaum etwas aß, und hielt sie an endlich zuzunehmen. Er hatte seinen Einfluss überschätzt. Marisa machte Schluss.

Ihre Eltern ahnten nichts von Ana, schreibt sie, zumindest täten sie so. Auch eine beste Freundin habe sie nicht. Oder doch? Nach einer Weile tippt Marisa drei Buchstaben in die Tasten: Ana. Ach ja. Gegen drei Uhr nachmittags wird es ruhig im Forum der Spiegelkinder. Wer jetzt noch postet, hält sich offensichtlich nicht an "Seraphs" Regeln und wird über kurz oder lang von ihr gesperrt werden.

Es ist Essenszeit. Marisa nimmt ihre normale Ration zu sich, ihr letztes Mahl für diesen Tag; eine halbe Tomate, ein Viertel Salatgurke und ein Glas fettarme Milch. Im Forum hat sie die italienische Woche ausgerufen: Im Zeichen der italienischen Flagge dürfen die Spiegelkinder nur rote, grüne und weiße Dinge essen. "Wir machen oft Mottoessen, dann ist es nicht so eintönig."

Zur "Nahrungsergänzung" schluckt sie täglich drei Stacker. Die ephedrinhaltigen Pillen beschleunigen die Verdauung und wirken appetithemmend. Marisa ordert Präparate wie diese in den USA. Teilweise sind sie in Deutschland gar nicht erlaubt. Eine monatliche Sammelbestellung, adressiert an die Spiegelkinder.

Medikamente sind im Forum das Topthema: "Elfe", die Moderatorin der Rubrik "Medizinschrank", erstellt jedem Spiegelkind seinen persönlichen Dosierungsplan. Das aktuelle Thema sind Abführmittel. "Also, wenn du noch nie AFM genommen hast, dann reichen zwei Stück. Wenn man sie allerdings jahrelang nimmt, so wie ich, dann wirkt erst 'ne ganze Dose (20 Stück)." Die ganze lange Nacht auf der Toilette kalkuliert "Elfe" selbstverständlich mit ein. "Natürlich tut das weh", antwortet sie auf die Frage eines Schützlings. Schmerz ist Trumpf und lenkt ab.

Rund ein Viertel der Mädchen hat einen oder mehrere Selbstmordversuche hinter sich. Blutig geritzte Unterarme und hämatomübersäte Oberschenkel scheinen beinahe Pflicht. Die Lebenswege der Mädchen ähneln sich. Scheidung der Eltern, Missbrauch und Vergewaltigung nehmen sehr viel Gesprächsraum ein. Die Essstörung, ob nun Magersucht, Bulimie oder eine Mischform, ist oft die einzige verlässliche Größe im Leben der Betroffenen.

"Wenn der soziale Halt weg bricht, dann wird die Krankheit zum Lebensinhalt", sagt der Sozialforscher Klaus Hurrelmann. Hurrelmann ist Projektleiter der 14. Shell-Jugendstudie aus dem Jahr 2002. Die Jugendstudie erscheint regelmäßig seit 1952 und gilt als Basiswerk der Jugendforschung in Deutschland. Oft hätten die betroffenen Mädchen in ihrem Leben die Erfahrung machen müssen, einer Sache ohnmächtig gegenüberzustehen, sagt der Sozialforscher. So könnten sie beispielsweise die Trennung der Eltern nicht verhindern. "Diese passive Rolle wollen sie loswerden, sie suchen nach etwas, das sie beherrschen, eine Sache, die sie aktiv lenken können." Und stoßen auf die Essstörung. Ihren eigenen Körper können sie kontrollieren. Sie haben die Macht, ihn zu verändern, ihn dicker oder dünner werden zu lassen, und sie können der Außenwelt ihre Willensstärke demonstrieren.

"Ana ist das Einzige, worüber nur ich bestimme", bestätigt "Thina". Die 25-Jährige lebt zusammen mit ihrem Freund in einer rheinischen Großstadt. Auch ihre Vita ist kein Spaziergang. Auf die Scheidung ihrer Eltern reagierte die damals 16-Jährige mit Drogen: Speed, LSD, Ecstasy "gehörten über knapp zwei Jahre zur Tagesordnung", erzählt sie. Doch nach dem Abitur habe sie sich gefangen. Sie zog zu Hause aus und nahm eine Arbeitsstelle an. Die Ana sei mehr durch Zufall denn aus der Not geboren. Fett sei sie nie gewesen.

Es fing an mit einer Art FDH. Der Erfolg beflügelte sie weiterzumachen. "Irgendwann stand ich dreimal am Tag auf der Waage und beobachtete zigmal meinen Körper im Spiegel." Das Abnehmen wurde immer wichtiger. "Thinas" Resümee klingt so: "Die Magersucht hat mein Leben bereichert. Mag sie nicht mehr missen." Applaus von der Ana-Clique.

"Seelenschwester", ein Mitglied der ersten Stunde und Moderatorin der "Kuschelecke", formuliert es ähnlich: "Ana bestimmt meinen Tag", schreibt die 21-Jährige ergeben. Jeden Tag ist sie sechs bis sieben Stunden online. Ein Vorzeige-Spiegelkind, lobt "Seraph". Ihr Studium der Psychologie verfolgt "Seelenschwester" eher sporadisch. Sie könne sich sowieso nur schwer auf das Lernen konzentrieren. Das "Nicht-Essen" fordere schon so viel Kraft. Später will sie Kindern zuhören und helfen.

Wie schwierig die Rolle der Therapeutin ist, weiß sie aus eigener Erfahrung nur zu gut. Dreimal haben ihre Eltern sie zur Kinderpsychologin geschleift. Nach jeder Vergewaltigung eine Sitzung. Seitdem, damals war sie 15, hasst sie sich. Ohne Gnade knechtet sie ihren eigenen Körper. Meistens lautlos, manchmal über der Kloschüssel. "Ich bin froh, dass ich alleine wohne, so kann ich endlich frei leben."

So braucht sie nicht mehr unentwegt die Spülung betätigen und den Wasserhahn voll aufdrehen, damit man sie nicht hört, während sie sich erbricht. Sie braucht ihre Hände nicht mehr mit Schmirgelpapier blutig reiben, weil sie anders den Geruch nach Erbrochenem nicht wegbekommt. Und es zwingt sie niemand mehr zum Essen. "Im Moment geht es mir halbwegs gut, bin nicht akut Suizid gefährdet", schreibt sie.

Es ist 17 Uhr, das Forum füllt sich wieder. "Habt ihr es schon mal woanders als zu Hause gemacht?" fragt "Thina". Spannendes Thema. Es ist alles dabei: im Stadtwald, bei Rock am Ring, im Dixieklo, im Kaufhaus, in der Uni-Auch die Stellungen werden ausgetauscht: Schließlich ist das herkömmliche Knien vor der Toilettenschüssel etwas für Anfänger, die meisten legen sich auf den Boden und winkeln die Beine an. Mit beiden Händen und unter Zuhilfenahme der Knie drücken sie den Bauch nach innen. Immer fester.

Viele waren vorher Mias, Bulimiekranke, und schaffen nur langsam den Wechsel hinüber zu Ana. Aber auch Anas haben oft mit Fressanfällen (FA) zum kämpfen, berichtet Marisa. Die Übergänge sind oft fließend. Auf Tage à 300 Kalorien folgen Tage a 3000.
Die ausgewiesene Expertin für FA's und die Maßnahmen danach ist "gefallener Engel". Sie erklärt im Onlineseminar das selbst entwickelte Schichtungsprinzip. Erst Obst und Gemüse, damit der Magen etwas zu tun hat. Ein Ablenkungsmanöver, denn jetzt kommen die Kalorienbomben: Chips, Schokolade, Eis, Pommes, Kekse, Pizza, Weingummi. Die "bösen" Nahrungsmittel bleiben eine Weile unverdaut, und der FA kann in Ruhe genossen werden. Der Gang zur Toilette wird so ein bisschen hinausgezögert - aus bleibt er nie.

Aber aufhören soll der Kreislauf. Das Glaubensbekenntnis der Ana endet mit dem Wunsch, irgendwann nicht mehr dick, sondern perfekt zu sein. "Ich glaube, dass ich mein Seelenheil nur dadurch erlange, indem ich jeden Tag noch härter nach Perfektion strebe." Perfektion heißt, einen BMI zu haben, mit dem sich kaum mehr leben lässt. Und auch das Forum endet mit der Jenseitsecke": "Ana till the end." Der Eintrag von "Bärenkind" ist ganz frisch; "Ich will sterben und dabei unseren Ring tragen. Damit die ganze Welt erfährt, dass ich doch etwas wert war. Damit die ganze Welt erfahrt, dass ich ein Spiegelkind war."

"Leider wissen diese Mädchen nicht, dass man sie heilen könnte. Es gibt Wege aus der Krankheit, andere Wege als den Tod", sagt Jan Nedoschill. Der erste Schritt sei nicht die Behandlung einer psychischen Störung, sondern die "ganz banale Suche nach einem Hobby". Einer Sache, die den Raum einnehmen kann, den bis dato die Essstörung besetzt hielt.

Nedoschill macht Mut: "Laut einer Studie der Universität Heidelberg kann die Hälfte der an Magersucht oder Bulimie erkrankten Personen vollständig geheilt werden." Marisa kann ihn nicht hören. "Ich will das Ganze noch zu Ende führen", rattert sie in die Tasten. Was willst du zu Ende führen? "Na ja, die Ana bis in den Tod."

 

Das Gefühl der Leichtigkeit

Erlösung durch Hungern und Anorexie als alternativer Lebensstil: Im Internet tauschen Magersüchtige Tipps und Tricks zum "Starkbleiben" aus.

"Saya", irgendwo daheim im deutschen Sprachraum, zählt sich stolz zur "Anorexic Generation". 16 Jahre alt ist sie nach eigenen Angaben und ihre Homepage ist ausschließ-lich dazu da, für Magersucht als Lebensstil zu werben. "Ich bin proana und zwar überzeugt", heißt es Eingangs. "Ana" steht für Anorexie und Ana ist laut Saya eine tolle Methode, sich vom Mittelmaß, von den "Normalos" abzuheben.

Bei einer Körpergröße von 164 cm wiegt Saya momentan 52 Kilo - "wegen dieser Sch . . . Therapie", wie sie bedauernd anmerkt. Ihr wichtigstes Ziel sei es, wieder jene 42 Kilogramm Untergewicht zu erreichen, die sie hatte, bevor sie künstlich ernährt werden musste.

Sites, die von praktizierenden Magersüchtigen ins Netz gestellt wurden und die Anorexie als alternativen Lebensentwurf preisen, findet man, wenn man als Suchbegriff "Pro Ana" oder "pro Anorexia" eingibt. Obwohl die Provider immer wieder derartige Seiten schließen, ist die Szene nicht unterzukriegen. Die meisten der "pro-Ana"-Seiten sind englischsprachig. Manchmal (nicht oft, denn das wäre zu auffällig und könnte zu Protesten führen) ist auch das anvisierte Schönheitsideal abgebildet: hübsch geschminkte Mädchen mit Körpern, auf denen man nicht nur jede Rippe, sondern auch jeden einzelnen Rückenwirbel zählen könnte. Es sind erschreckende Bilder.

Das findet auch die Politologiestudentin Mirjam (22), die im Alter von zwölf Jahren an Anorexie erkrankte und sich durch langjährige Psychotherapie davon befreien konnte. Mirjam ist heute "Antiana". "Magersucht", betont sie, "ist im Kern eine Absage ans Leben, ein Selbstmord light." Saya bestreitet das gar nicht: "Wir wissen, dass wir über dem Abgrund des Todes tanzen und jederzeit abstürzen können", schreibt sie, "aber wir wissen auch wie atemberaubend schön unser Tanz aussieht und wir spüren das Gefühl der Leichtigkeit, mit dem er uns erfüllt."

Früherkennung ist wichtig

Sowohl Magersüchtige als auch Bulimiker entwickeln ausgefeilte Strategien, um ihre Störung geheim zu halten. Die Bulimiker, weil sie sich schämen, die Magersüchtigen, weil sie an der erhofften Erlö-sung durch Hungern unbedingt festhalten wollen. In der "pro-Ana"-Szene im Internet werden nicht nur jede Menge Tipps und Tricks zur Kalorienreduktion ausgetauscht, sondern auch, wie man die Magersucht möglichst lange geheim hält. Saya rät, im Familienkreis ja keine Mahlzeit auszulassen, weil das Verdacht erregen könnte und lieber die Portionen unauffällig verschwinden zu lassen. Bei Einladungen solle man eine Darmgrippe vortäuschen etc.

"Tipps" wie diese werden auch in einschlägigen Foren ausgetauscht, in denen sich "Gleichgesinnte" zu jedem verlorenen Kilo gratulieren. Bei Anorexie und Bulimie ist Früherkennung enorm wichtig, um zu verhindern, dass die lebens- und gesundheitsbedrohende Essstö-rung über die Jahre hinweg festzementiert wird. Wichtig ist es, auch gegenüber dem Betroffenen richtig zu reagieren - das heißt, vor allem sofort professionelle Hilfe einzuholen. Einen sehr brauchbaren Leitfaden für Betroffene (Eltern, Lehrer, Erzieher) hat jetzt das Frauengesundheitszentrum Kärnten herausgegeben. "Ess-Störungen" heißt der Leitfaden, der unter der Telefonnummer 0 42 42/53 0 55 bestellt werden kann. Magersucht (anorexia nervosa) und Ess-Brechsucht (bulimia nervosa) sind die beiden extremsten Formen von Essstörungen. Junge Frauen sind am meisten gefährdet, daran zu erkranken. Psychologen schätzen, dass in der Risikogruppe der weiblichen Teenager etwa ein Prozent an Magersucht erkranken.

Schwere Essstörungen im Zunehmen

Nach einer Studie des Gesundheitsministeriums sind in Österreich etwa 2500 Teenager zwischen 15 und 20 Jahren magersüchtig, weitere 5000 sind gefährdet. Unter Bulimie (Ess-Brechsucht) leiden schätzungsweise etwa 6500 Personen in der Altersgruppe zwischen 20 und 30 Jahren. Die Ess-Brechsucht ist stark im Zunehmen: alljährlich steigt die Zahl in Österreich um 900 Fälle. Anorexie heißt wörtlich übersetzt "Appetitverlust" - eine unzutreffende Bezeichnung, da das Essverhalten an sich gestört ist. Magersüchtige, deren Selbstwertgefühl total an die Figur und das Gewicht gekoppelt ist, entwickeln panische Angst vor Gewichtszunahme und bilden sich ein, "zu dick" zu sein, selbst wenn sie sich längst spindeldürr gehungert haben.

Anorexie beginnt bei Mädchen meist kurz nach der ersten Menstruation. Ein zweites "gefährliches" Lebensalter ist die Phase der Ablösung vom Elternhaus mit etwa 18 Jahren. Infolge ihrer verzerrten Körperwahrnehmung nehmen Magersüchtige nur geringe und geringste Mengen an Nahrung auf. Neben dem Hungern werden zusätzlich Appetitzügler, Abführmittel und Sport zur Gewichtsreduktion eingesetzt.

Nach einer Behandlung (Psychotherapie) zeigt sich bei etwa 30 Prozent der Patientinnen eine vollständige Besserung. Bei 35 Prozent lässt sich eine Gewichtszunahme feststellen (obwohl das Normalgewicht freilich nicht erreicht wird). Die verzerrte Wahrnehmung der eigenen Figur bleibt meisten auch bei den geheilten Patientinnen bestehen. Bei 25 Prozent der Betroffenen wird die Anorexie chronisch. Zehn Prozent sterben.

 

Die Freundin junger Frauen

Im Berner Inselspital sind immer mehr extrem magersüchtige Frauen in Behandlung; im Internet zelebrieren Jugendliche die Krankheit
Im Internet widmen sich immer mehr Seiten dem Thema Magersucht; sie bieten aber nicht eine Hilfe zur Überwindung der Krankheit, sondern präsentieren Anorexie als erstrebenswerten Lebensstil.

«Ich glaube, dass ich die schlechteste, wertloseste und nutzloseste Person bin, die je auf unserem Planeten gelebt hat, und dass ich es absolut nicht wert bin, die Zeit und Achtung von irgendjemandem zu beanspruchen.» Dieser Satz ist auf vielen Internetseiten zu finden; er ist Teil des «Ana-Glaubensbekenntnisses». Ana begleitet junge Frauen durchs Leben, gibt Halt in schweren Momenten und hilft, das grosse Ziel zu erreichen: Gewicht zu verlieren. Ana ist keine Freundin aus Fleisch und Blut, sondern die Abkürzung für Anorexia nervosa: Magersucht.

«Ich glaube an die Waage als meinen täglichen Indikator von Erfolg und Niederlage.» Auf den so genannten Pro-Ana-Seiten finden sich Frauen auf der Suche nach dem Idealgewicht; sie definieren das Idealgewicht aber in einem Bereich, der gesundheitsgefährdend ist. Sie geben Tipps weiter, wie sie hungern können, ohne dass ihre Eltern etwas merken: Das Essen mit aufs Zimmer nehmen – und es nicht essen, sondern am Morgen in einem Plastiksack aus dem Haus schmuggeln. Oder später nach Hause kommen und sagen, man habe bereits bei der Freundin zu Abend gegessen. Und wenn alles nichts hilft oder eine Fressattacke droht – die Surferinnen der Pro-Ana-Seiten wissen Abhilfe und geben Tipps, wie das Essen am besten wieder hochkommt, wie unauffällig erbrochen werden kann, welche Speisenreihenfolge das Erbrechen erleichtert.

«Ich werde mich Ana widmen. Sie wird da sein, wo auch immer ich hingehe, und mich auf dem rechten Weg halten. Niemand anderes zählt; sie ist die Einzige, die sich um mich kümmert und mich versteht. Ich werde sie ehren und stolz machen.» Die Jugendlichen erzählen auf den Pro-Ana-Seiten immer wieder, wie alleine sie sind und wie niemand sie versteht. Im weltweiten Netz haben sie nun Freundinnen gefunden; sie tauschen sich aus, sind füreinander da – und Ana gibt ihnen Halt. «Oft sind es sehr verunsicherte Jugendliche, die eine Essstörung entwickeln», sagt Bettina Isenschmid, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Leiterin der Sprechstunde für Essstörungen am Inselspital. Sie haben Probleme in der Familie oder finden keine Freundinnen. Sie suchen nach einem Netz von Gleichgesinnten – wie alle Jugendlichen. Nur kann es gefährlich sein, wenn labile Jugendliche, die sich missverstanden und alleine fühlen, auf Pro-Ana-Seiten stossen: Dort finden sie Gleichgesinnte, mit denen sie sich herunterhungern können. Täglich wird im Netz vermeldet, wie viel Gramm seit dem Vortag verloren gegangen sind.

Die meisten deutschsprachigen Pro-Ana-Seiten, auf denen sich superdünne Mädchen austauschen, sind heute nur noch mit einem Codewort zugänglich. Wer neu ist, muss sich mit einem Motivationsschreiben anmelden. Die Webmasterin prüft das potenzielle Neumitglied und entscheidet, wer mitmachen darf. So wird der Klub der Gleichgesinnten einerseits vor Voyeuren geschützt; andererseits wird er noch exklusiver, die Gemeinschaft wird verschworener.

Die Internetseiten, die für alle zugänglich sind, werden oft von Jugendlichen geführt, die noch nicht magersüchtig sind, aber abnehmen wollen. Einige distanzieren sich von Pro-Ana-Seiten. Das ändert nichts daran, dass auch diese Mädchen und jungen Frauen unsinnigen Diäten folgen: «1 Paprika (ca. 30 kcal); 3 Corny Free Haselnuss (einer 88 kcal); 1 Corny Activ Schoko (98 kcal); 1 fettes Sandwich (viel zu viel kcal); dann aber nur Kaffee und Wasser getrunken.» Das hat eine Jugendliche mit Körpergewicht 47 Kilogramm an einem Tag insgesamt gegessen.

«Ich glaube an die Errettung, indem ich heute härter an mir arbeite als gestern.» Täglich wird Ana angerufen: Vor dem Kühlschrank, wenn die Versuchung gross wird. Alleine im Zimmer, wenn der Bauch vor Hunger schmerzt. Einige Mädchen listen auf ihren Homepages monatelang Tag für Tag auf, was sie essen. Denn auch wenn es den Magersüchtigen darum geht, nichts zu essen, dreht sich ihr ganzes Denken nur ums Essen. Wer den Regeln von Ana folgt, isst nicht mehr als vier Mahlzeiten pro Tag à 150 Kilokalorien. Empfohlen werden für dreizehnjährige Mädchen 2100 Kilokalorien am Tag, für achtzehnjährige 2500.

«Ich glaube an die Regeln als unbrechbare Gesetze, die mein tägliches Verhalten bestimmen sollen.» Die verschworenen Ana-Gemeinschaften auf dem Internet verunmöglichen es Aussenstehenden weitgehend, ein Mädchen mit einer Essstörung davon zu überzeugen, dass es an einer Krankheit leidet. Solange Ana als einzig richtige Freundin betrachtet wird, bewegt sich das Mädchen in einer sektenähnlichen Welt. «Die Jugendlichen erkennen nicht, dass die Betreiberinnen der Pro-Ana-Seiten krank sind, dass ihre Informationen schädlich und unwahr sind», sagt Bettina Isenschmid. Das Internet sei für Jugendliche jedoch auch ideal, um nach Informationen zu suchen und ohne grosse Formalitäten mit Fachleuten in Kontakt zu kommen. So ist das Team «Prävention von Essstörungen Praxisnah» des Inselspitals ebenfalls auf dem Netz präsent (www.pepinfo.ch). Betroffene können so den ersten Kontakt mit dem Spital per Mail aufnehmen.

«Ich werde um jeden Preis dünn sein. Das ist das Wichtigste; nichts anderes zählt.» Auf den Pro-Ana-Seiten wird offen mit dem Tod geflirtet: Einer, die sich wirklich herunterhungert, ist die Anerkennung der anderen sicher. Denn nur sie steht wirklich zu Ana, lebt ihren Regeln nach – auch wenn allen klar ist, dass Magersucht zum Tode führen kann. Dies verstärkt sowohl die Verschworenheit der Gemeinschaft als auch den quasireligiösen Charakter, der die Pro-Ana-Bewegung prägt. Die Jugendlichen legen ein Ana-Glaubensbekenntnis ab, es gibt zehn Gebote. Ihre Anhängerinnen versprechen Ana ihren Gehorsam. Um sich auch ausserhalb des Netzes zu erkennen, tragen viele ein rotes Armbändchen. Sie suchen einen Halt, eine Zugehörigkeit zu einer Gruppe – und verschliessen sich gegenüber ihrem direkten Umfeld.

 

Tödliche Freundinnen

 

 


Auf immer mehr Internetseiten wird die Magersucht als ideales Lebensmuster propagiert. Ein gefährlicher Trend.

Ana nimmt im Leben von Millionen junger Mädchen eine zentrale Rolle ein. Ana ist stets gegenwärtig, schreibt Briefe und gibt Lebensregeln aus. Ana scheint die ideale Freundin zu sein. Doch in Wirklichkeit ist Ana heimtückisch, sie bringt Qualen und oft genug den Tod.
Ana ist die beschönigende Abkürzung von Anorexia nervosa, der Magersucht, einer psychosomatischen Erkrankung, bei der die Betroffenen wie besessen immer weiter hungern, bis sie eher Opfern von Konzentrationslagern ähneln als jenen perfekten Schönheiten, die sie darstellen wollen. Mit Absicht verwenden die Befürworter jenes krankhaften Hungerns den Namen Ana, um diesen Irrsinn zu personalisieren und ihm einen mädchenhaften Namen zu geben. Aus demselben Grund trägt die andere Essstörung Bulimia nervosa, die mit wechselnden Fress- und Brechattacken einhergeht, den Tarnnamen Mia.
Ana ist eine potenziell tödliche Gefahr für junge Mädchen, die sich den skeletthaften Look mancher Supermodels als Vorbild gewählt haben. Und so unglaublich es klingt, weltweit gibt es mehr als 500 Internetseiten, die Anorexia als ideales Lebensmuster propagieren und anfälligen Mädchen Verhaltensregeln verordnen. Sie werden von Medizinern und Politikern als brandgefährlich eingestuft.
Seiten wie "Salvation through Starvation" (Erlösung durch Verhungern) oder "Feast of Famine" (Fest des Hungers) liefern Anleitungen zum Dünnwerden und zu einem geradezu konspirativen Lebensstil, bei denen die Mädchen angehalten werden, zum Beispiel dreckige Teller in ihren Zimmern zu platzieren oder in der Küche herumzurumoren, um den Eltern vorzutäuschen, sie hätten etwas gegessen. Geraten wird auch, niemals mit den Eltern über "Ana" zu reden.
Als erste haben nun die Gesundheitsbehörden in Madrid dem Ana-Wahnsinn den Kampf angesagt. Spanien hatte bereits vor vier Monaten die Diskussion um "Kleidergröße 0" entfacht und ultradünne Models mit einem Body-Mass-Index (BMI) unter 18 von spanischen Laufstegen verbannt. (BMI bedeutet: Körpergewicht geteilt durch Körpergröße im Quadrat).
Pluspunkte für diejenigen, die 24 Stunden nichts essen
Wie die Londoner "Times" berichtete, sperrten die spanischen Behörden derartige Websites und klagten gegen die Seite "The Great Ana Competition" (Der große Ana-Wettbewerb), bei dem Diplome als Preise für jene Mädchen ausgelobt wurden, die innerhalb von zwei Wochen die wenigsten Kalorien zu sich nehmen. Ein Punktesystem belohnt Mädchen, die 50 bis maxmal 150 Kalorien pro Tag zu sich nehmen, mit neun Punkten. Die Höchstzahl von zehn Punkten erhält, wer 24 Stunden lang gar nichts Festes zu sich nimmt.
Steve Bloomfield von der britischen Gesellschaft gegen Essstörungen berichtet, dass etwa jedes fünfte Ana-Opfer ohne rechtzeitige Behandlung stirbt. In der betriebsamen brasilianischen Modebranche starben innerhalb von zwei Monaten fünf Anorexia-Opfer. So erlag in Rio de Janeiro die erst 14-jährige Maiara Galvao Vieira ihrem Hungerwahn, als sie nur noch 38 Kilogramm bei über 1,70 Meter Größe wog. Die Modewoche in São Paulo kündigte eine Internet-Kampagne gegen Anorexia an und will die Models der "Fashion Week" künftig medizinisch überwachen lassen. Italiens Jugendministerin Giovanna Melandri forderte von Designern, Modelagenturen und Modehäusern das Bekenntnis zu einem Ethik-Code. Mädchen unter 16 Jahren und einem BMI unter 18,5 sollten gar nicht mehr teilnehmen.
18-Jährige wog 28 Kilo und fühlte sich trotzdem "fett"
Die "Times" dokumentierte den Fall der 18-jährigen Britin Jay Taylor aus Newcastle upon Tyne, die auf dem Tiefpunkt ihrer Krankheit nur noch 28 Kilogramm wog. Da die Familie eine vererbte Herzschwäche aufweist, befürchteten die Ärzte das Schlimmste. Siebenmal wurde Jay ins Krankenhaus eingeliefert und künstlich ernährt. Doch noch immer sagt Jay: "Ich sehe andere anorexische Mädchen und denke, die sehen aber krank aus. Zugleich denke ich aber, dass ich selber noch viel zu fett bin. Ich sehe mir Fotos an, auf denen ich mal mehr wog, und hasse sie."
Vermutlich haben alle diese Mädchen "Anas Gesetze" auf den "Pro-Ana"-Seiten im Internet befolgt. Da heißt es zum Beispiel: "Das Essen darf nicht genossen werden, sondern muss gehasst werden". Oder: "Stell dir vor jedem Essen die Frage: Will ich das jetzt wirklich essen?" Ana-Anhänger hassen ihren Körper, empfinden sich nur klapperdürr als einigermaßen attraktiv. "Dünn sein ist wichtiger als gesund sein", lautet eine weitere lebensgefährliche Regel der Bewegung. Die Selbstwahrnehmung der Opfer ist zunehmend gestört, sie glauben niemandem, der ihnen sagt, sie seien zu dünn.
Blutdruckstörungen, trockene Haut, Impotenz als Folgen
Am Ende sackt der Blutdruck ab, die Haut trocknet aus, die Körpertemperatur sinkt. Bei Frauen setzt die Regel aus, Männer werden impotent. Viele Ana-Seiten raten, mit dem Rauchen anzufangen, um das Hungergefühl zu betäuben, wie Trümmerfrauen dies notgedrungen 1945 taten. Eine wichtige Rolle spielen die "Thinspirations". Das Kunstwort setzt sich aus thin (dünn) und Inspiration zusammen. Fotos der dürren Victoria Beckham, des Models Kate Moss oder der beängstigend knochigen Aktricen Keira Knightley oder Calista Flockhart können solche "Thinspirations" sein, an denen sich Mädchen orientieren. Für Victoria Beckham sagte der britische Mediziner Dr. Marcus Kyriasis voraus, dass sie kaum älter als 54 werden wird.
Daneben gibt es "negative Thinspirations", bei denen abschreckende Fotos von extrem fettleibigen Menschen gezeigt werden - als "Inspiration" zum weiteren Abnehmen.
Wer nun glaubt, das Ganze sei ein Minderheitenproblem unter gestörten Jugendlichen, irrt gewaltig. Allein in Deutschland weisen mittlerweile mehr als fünf Millionen Menschen eine Essstörung auf.

 

 

Ana und ihre Engel

Wenn Ana eine ihrer vielen Freundinnen als „fette Kuh“ beschimpft, nickt diese nur demütig. Denn Ana und ihre Schwester Mia haben die Kontrolle über das Leben ihrer Freundinnen. Sie bestimmen, was gegessen - oder vielmehr nicht gegessen - wird, was sie zu denken und zu tun haben.
„Ana“ und „Mia“ sind die Kosenamen ihrer Anhängerinnen für „Anorexia nervosa“ - Magersucht - und „Bulimia nervosa“ - Bulimie. Ana und Mia sind aber gar nicht die Freundinnen, sondern die Feindinnen ihrer Anhängerinnen. Nur dass diese das nicht begreifen können.

Etwa 100 Internetforen

Die Bewegung kam vor etwa fünf Jahren aus Amerika und hat längst auch in Deutschland eine große Gefolgschaft, die sich in mehr als 100 Internetforen gegenseitig zum Hungern anstachelt. Denn „du bist NIE zu dünn“ ist eines der zehn Gebote der „Pro-Anas“, wie sich die Anhängerinnen des Kultes selbst nennen.

Es sind vor allem junge Mädchen, aber auch einige junge Männer, deren Ziel es ist, durch Ana abzumagern und so den „perfekten Körper“ zu erlangen, wie sie glauben. Der „Pro-Ana“-Kult geht soweit, Ana wie einer Göttin in Psalmen, Glaubensbekenntnissen und Gedichten zu huldigen.

Lila für Bulimie

„Pro-Anas“ sehen Magersucht nicht als Erkrankung, sondern als Lebensstil. Sie kontrollieren ihr Gewicht mehrmals täglich auf der Waage und markieren ihre Gürtel, um sicher zu gehen, nicht zugenommen zu haben. Ihre Vorbilder sind Stars wie Kate Moss oder Mary-Kate Olson. Außerhalb des virtuellen Lebens erkennen sie sich gegenseitig an Zeichen wie Buttons oder Armbändern. Rote Perlen stehen für Magersucht, lilafarbene für Bulimie, schwarze für Depressionen.

In den Internetforen finden sie Fotos von untergewichtigen Stars, dürren Models und - als abschreckende Beispiele - fettleibigen Menschen. Diese Bilder sollen zur weiteren Abmagerung motivieren. Dazu gibt es Tipps zu lesen, wie man mit Hilfe drastischer Mittel noch dünner werden kann. Sie werden von Ana nicht nur empfohlen, sondern regelrecht befohlen.

„Einzige Freundin“

Sie wendet sich in einem Brief auch persönlich an ihre Gefolgschaft: „Du kannst mich Ana nennen. Ich hoffe, wir werden Freunde.“ Zu Beginn gibt sie sich noch liebenswürdig, doch ihre Worte werden immer brutaler. Am Ende des Briefes hat „Ana“ ihren Fans eine Gehirnwäsche verpasst, ihnen jegliches Bewusstsein für die tödliche Gefahr der Psycho-Krankheit ausgeredet. Der Brief endet mit den Worten: „Denn jetzt bin ich deine einzige Freundin.“

Im „Pro-Ana“-Psalm wünscht sich die Autorin „hervorstehende Schulterblätter wie die gebrochenen Flügel eines Engels“. Ob ihr schon mal aufgefallen ist, dass Engel mit gebrochenen Flügeln nicht fliegen können?

 

Lebensgefühl Hunger

Die Anhänger von »Pro Ana« betrachten ihre ESSSTÖRUNG als Lifestyle – und erklären eine Krankheit zum Leistungsport. Eine gefährliche Illusion.

Im Erdgeschoss der Bahnhofskneipe wird ein amerikanisches Frühstücksbuffet aufgebaut. Ein paar Meter höher, auf der Galerie, sagt Julia, 24, dass sie keinen Hunger habe. Mit angezogenen Knien sitzt sie auf dem Holzstuhl und spielt mit den Bommeln ihrer Stiefel. Etwas nervös ist sie schon, normalerweise erzählt sie nur ihren Freunden im Internet, warum sie dünn sein möchte, dünner noch als jetzt, wo sie in ihrer Winterjacke schon fast verschwindet. Seit neun Jahren hat sie Bulimie und kotzt das Meiste, was sie gegessen hat, so schnell wie möglich wieder aus. Aber das reicht ihr nicht, sie möchte außerdem magersüchtig sein, erklärt sie, zündet sich eine der vielen Zigaretten an, die sie heute rauchen wird, und fügt hinzu: »Wenn du mich fragen würdest, ob ich
krank bin, würde ich sagen: nein.« In einer anderen Fußgängerzone, eineinhalb Zugstunden nördlich von Julias Cafétisch, sitzt Tanja in einer Eisdiele und friert. Der Laden ist gut beheizt, aber Tanja ist mit ihren 19 Jahren schmal wie ein Kind, da nützt die Heizung nicht viel. Aus den Lautsprechern an der Decke klimpern italienische Schlager, Kellner tragen dicke Eisbecher mit Sahne herum. Tanja bestellt eine Diätcola. Sie nippt daran und erklärt: »Magersucht ist mehr als eine Krankheit. Es ist ein Lebensgefühl.« Fast jeder kennt Menschen, die von ihrem Gewicht besessen sind. Fast jeder kennt auch einen Jungen oder ein Mädchen, dessen Dauerdiät verdächtig nach Essstörung aussieht. Aber Mädchen wie Julia und Tanja, die ihre Essstörung betreiben wie andere einen Sport – die kennt kaum einer. Dabei sind sie nur zwei von hunderttausenden, die sich auf Internetseiten, in Foren und Blogs dazu bekennen. Im echten Leben fallen sie nicht weiter auf, sind sie vielleicht die dünne Blonde in der U-Bahn oder der schmale Strich mit dem dicken Wollschal im Seminar. Die dünnen Beine sieht man, nicht aber, dass ihre Magerkeit Ausdruck eines Lebensgefühls ist. »Pro Ana« heißt die Überschrift zu diesem Lebensgefühl, bei dem es darum geht, sich bewusst ins Untergewicht zu hungern. Die Abkürzung »Ana« steht für »Anorexia nervosa«, den medizinischen Begriff für Magersucht. Die Ess-Brech-Sucht Bulimie hat unter dem Spitznamen »Mia« eigene Fans auf den Seiten. Beide Essstörungen gelten als schwere psychische Krankheiten. Die meisten Pro-Ana-Anhänger glauben aber nicht, dass sie krank sind. Für sie ist die Welt eine Galerie, in der menschliche Körper ausgestellt werden – und deswegen, glauben sie, müssen diese Körper Kunstwerke sein. Sie vertreten ein Schönheitsideal, das krasser ist als alles, was in Paris und New York über die Laufstege stöckelt. Wie es aussieht, erklären Pro-Ana-Anhänger auf zahllosen Websites, in Foren und Blogs: Fett ist hässlich, Knochen sind schön. Ein perfekter Bauch darf im Sitzen keine Falten werfen, sondern muss sich nach innen wölben. Hüftknochen, Rippen und Wirbelsäule sollen sich so deutlich abzeichnen, dass die Haut wie eine dünne Decke ist, die über ein Skelett geworfen wurde. Das Ganze klingt wie der Alptraum eines diätgeplagten Teenagers, ist in Wirklichkeit aber eine Art Subkultur, die immer größer wird, und deren Mitglieder sich über die ganze Welt vernetzen. Trotzdem bleiben ihre Anhänger im Verborgenen. Es gilt die Regel: Wer pro ist, schweigt. Geredet wird nur im Netz. »Dies ist ein Pro-Ana-Forum! Wenn du dich damit nicht identifizieren kannst, bitte ich dich, dieses Forum wieder zu verlassen! Wir sind kein Diätforum! Wenn du also keine Essstörung hast, bist du hier nicht richtig!« Es sind nicht Julia oder Tanja, die hier zur Begrüßung Klartext schreiben, aber sie könnten es sein. Die Warnung steht im Eingangsbereich des Forums, das sie gemeinsam mit ein paar Freundinnen betreuen. Die Botschaft ist eindeutig: Gäste sind hier unerwünscht, die Pro- Ana-Gemeinde will unter sich bleiben. »Ist doch klar«, meint Julia, »die meisten kapieren doch gar nicht, was wir hier machen.« Sie sollen wegbleiben, die Spanner und Spinner, die sich durch die Seiten klicken, um die User mit Fragen zu nerven oder zu schimpfen. Hausfrauen vielleicht, die auf der Suche nach Diättipps hier landen und erst mal einen schweren Schock bekommen, wenn sie versehentlich »Ana’s Gebote« anklicken, eine Art Grundgesetz der Pro-Ana-Gemeinschaft:
»1. Wenn ich nicht dünn bin, kann ich nicht attraktiv sein. 2. Dünn sein ist wichtiger als gesund sein!«, heißt es da, und in diesem Stil geht es noch 8 Gebote lang weiter. Deshalb haben Julia und die anderen die virtuellen
Zäune um das Forum hochgezogen, wählen sie jeden Neuen, der mitschreiben möchte, jetzt penibel aus. Nicht bloß aus Sorge um andere. Sondern auch, um die Community zu schützen. Die verstößt zwar nicht gegen das Gesetz, indem sie Magersucht als Lifestyle propagiert. Aber sie macht Werbung für eine lebensgefährliche Krankheit. Und das ist den meisten Anbietern kostenloser Homepages und Foren zu heiß. Sie haben aus den Problemen gelernt, die Yahoo vor ein paar Jahren bekam, als die Bewegung in den USA bekannt wurde: amerikanische Internetsurfer protestierten derart massiv gegen die Seiten, dass Yahoo Pro-Ana-Inhalte jetzt wie Kinderpornos und Drogenshops behandelt – es schaltet die Seiten ab. Dem Anbieter, der Julias und Tanjas Forum Platz gibt, sind Inhalte egal. Er legt blinkende Banner mit Handywerbung über die Fotos der Knochengestalten. Vierzig Bereiche gibt es in dem Forum, doch über die Lobby hinaus kommt nur, wer ein paar Mindestvoraussetzungen mitbringt. Das heißt: eine Essstörung im fortgeschrittenen Stadium und den Willen, sie zu behalten. Nur wer die Administratoren von beidem überzeugen kann, darf sich den Rest des Forums ansehen. Und merkt dann schnell, dass die Zugangssperre Sinn macht. Von außen betrachtet wirkt das Forum allein schon der Bilder wegen ziemlich unheimlich – ein knochiger Engel, der über allem schwebt, Mädchen, die blutige Tränen weinen. Im Inneren wird es konkreter: Am harmlosesten sind noch die Fotogalerien mit Bildern von Nicole Richie, den Olsen Twins und unbekannten Models, die wie Strichmännchen aussehen: dürre Körper mit Köpfen darauf, die im Verhältnis riesig wirken. Die Textbeiträge gehen in die Einzelheiten: Kotztipps zum Beispiel (»Lass dir vom Zahnarzt die Zähne versiegeln, sonst macht die Magensäure sie kaputt«, erprobte Ausreden (»Sag deinem Freund, dass du allergisch gegen Butter bist«
und akribisch geführte Esstagebücher (»Heute zwei Toasts gegessen. Verdammt!«. Im »Forum- Contest« wetteifern Mitglieder darum, wer am schnellsten abnehmen kann. Und im Bereich
»Twin Corner« suchen sich User Sparringspartner, um gemeinsam zu hungern. In der Twin-Corner haben sich auch Julia und
Tanja kennen gelernt. Vielleicht hätten sie nie ein Wort miteinander geredet, wenn sie sich auf einer Party begegnet wären: Julia, die etwas von einer Diva hat, mit ihren blonden, langen sichtlich oder unbewusst zerstören. Kein Körper hält es auf die Dauer aus, ausgehungert zu werden, jede Speiseröhre wird löchrig, wenn sie wieder und wieder halbverdautes Essen
erbrechen muss. Mangelernährung macht Knochen brüchig und kann sogar das Herz aus dem Rhythmus bringen. Viele Pros werfen außerdem noch einen Cocktail aus Abführmitteln, Brechmitteln und Appetitzüglern ein. Sie können kaum noch so viel Wasser trinken, wie sie mit Gewalt aus sich herauszwingen, irgendwann funktioniert kein einziges Organ mehr richtig, und spätestens dann klappt auch der Kreislauf zusammen. Doch bevor es so weit ist, versucht der Körper noch eine Weile verzweifelt, sich um den Zusammenbruch herumzutricksen. Extremsportler wissen, wie auf dem Höhepunkt der Anstrengung auf einmal dieses Glücksgefühl reinkickt. Ein ausgehungerter Körper produziert einen ganz ähnlichen Effekt, weil er ebenfalls sein Letztes gibt. Er schüttet Endorphine, Glückshormone aus. Wenn der Magersüchtige wieder etwas isst, fühlt er sich am Boden zerstört.
Der Hormonkick kann süchtig machen. Als Tanja vor ein paar Wochen auf die Badezimmerwaage stieg, konnte sie ihr Glück kaum fassen. Sofort setzte sie sich an den Computer und schrieb einen Forum-Eintrag: »Das Schuften hat sich gelohnt, Leute, ich bin soooooooooo glücklich! Heute morgen auf der Waage: 45 kg.« So tief unten war ihr Gewicht noch nie. Wenn
sie heute von diesem Moment erzählt, kriegt Tanja wieder rote Wangen. »Endlich hatte ich mein Ziel erreicht.« Wie die meisten Magersüchtigen hat sie immer auf den Tag gehofft, an dem sie dünn genug sein würde, um endlich
ein zufriedener Mensch zu sein. Laut der Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik hat ein Mensch mit einem Body-Mass-Index von 18,5 Punkten oder weniger Untergewicht. Tanjas Ziel, auf das sie monatelang verbissen
hingehungert hat, waren 15 Punkte. Sie ist nicht naiv. Sie weiß, dass alle Magersüchtigen eine Körperschemastörung haben, dass ihr Kopf ihr also einen Streich spielt, wenn sie in den Spiegel guckt. Egal, wie viel sie wiegt: ihr Spiegelbild hat bis jetzt noch immer »zu fett« geschrieen. Langsam siegt die Furcht in Tanjas Kopf über das Glücksgefühl. Sie hat Angst, dass auch die 45 Kilo in ein paar Wochen wieder zu schwer an ihr hängen werden. Jetzt schon zahlt sie einen hohen Preis für ihr Schönheitsideal. Wie die meisten Pros hat sie viele Zahlen im Kopf, kann auch im Schlaf noch BMIs berechnen und Kalorienangaben
herunterrattern. »Der Keks da hat circa 65 Kalorien, der Cappuccino 80«, sagt sie und zeigt auf die Tasse, »aber Milchschaum ist gut, der macht satt.« Sie weiß, wie viele Kalorien der Ketchup von McDonalds und wie viele der von Aldi hat, und wie sie aus Tomatenmark, Süßstoff und Wasser einen Ketchupersatz zusammenrühren kann, der kalorienfrei ist. Doch die Magersucht zerrt nicht nur an Tanjas Nerven, sie zehrt auch an ihrer Gesundheit. Ständig bekommt sie blaue Flecken, ihre Kondition ist kaputt, das geliebte Reiten musste sie aufgeben, weil sie nicht mehr auf dem Pferd sitzen kann. Sie hat den Kreislauf ihres schmächtigen Körpers so weit heruntergefahren, dass er mit einem einzigen Brötchen am Tag auskommt. Wenn sie noch weiter abnehmen wollte, könnte sie nicht einmal mehr das essen. Ihr ist klar, was das bedeuten würde. »Ich will nicht sterben«, sagt sie leise. Vor kurzem hat sie deshalb eine Therapie angefangen und hofft, dass sie ihren Kopf genauso überwinden kann, wie sie es mit ihrem Körper getan hat. Ein Teil von ihr weiß, dass sie dafür das Pro-Ana-Forum verlassen müsste, aber genau das will sie nicht, trotz Therapie. Von dort wegzugehen, würde bedeuten, ihre besten Freunde zu verlieren, Julia und all die anderen im Forum, die sie im Grunde besser kennen als ihre eigene Mutter. Das Forum ist mehr als ein Treff für Essgestörte, es ist eine Gemeinschaft. Neben den Hardcore-Bereichen gibt es Türen, auf denen »Villa Kunterbunt« und »Kaminzimmer« steht. Da schreibt die userin thinlizzy ihr Lieblingsrezept für fettfreie Kirschmuffins auf, und mascara quatscht über Keanu Reeves Hintern. Fast könnte man vergessen, dass das virtuelle Kaffeekränzchen aus Menschen besteht, die sich knallhart und systematisch kaputtmachen: Magersucht und Bulimie wirken hier nicht wie Probleme, sondern wie anstrengende, aber durchaus glamouröse Hobbys. Als wäre das Leben mit Magersucht im Prinzip das Gleiche wie ein Leben auf dem Surfbrett – eine Frage des persönlichen Stils. Auf amerikanischen Pro-Ana-Websites kann man sogar entsprechende Accessoires bestellen: rote Armbänder für Pro Ana, lilafarbene für Pro Mias. Niemand kann genau erklären, warum es die Pro-Ana-Bewegung gibt, genauso wenig wie man weiß, warum Menschen Essstörungen bekommen. Klar ist nur, dass immer mehr Magersüchtige und Bulimiker Pro-Ana-Seiten bauen und besuchen. In den USA, wo die Bewegung entstanden ist, wurden vor kurzem Zahlen erhoben: Auf jede Website, die Essgestörten
helfen soll, kommen jetzt schon fünf Pro-Ana-Seiten. Fest steht eigentlich nur eins: Magersucht und Bulimie gibt es nicht erst, seit sich dünne Models auf Plakaten räkeln. Die Bezeichnung »Anorexia nervosa« hat ein Londoner Arzt Ende des 19. Jahrhunderts geprägt, also lange bevor Kate Moss geboren wurde. Fest steht
aber auch, dass superdünne Vorbilder etwas auslösen. Anders lässt sich kaum erklären, dass Essstörungen nur in den Teilen der Welt massenhaft vorkommen, in denen schlanke Menschen als schön und erfolgreich gelten – in den USA, Europa und in Japan. Die Ex-Magersüchtige und Ex-Bulimikerin Marya Hornbacher drückt es in ihrer Autobiografie so aus:
»Auch mir standen andere Methoden zur Selbstzerstörung zur Verfügung, unzählige
Ventile, die ich für meinen Perfektionismus, meinen Ehrgeiz, meine übertriebene Intensität hätte suchen können. Aber ich wählte die Essstörung. Deshalb glaube ich, dass ich mir andere Mittel gesucht hätte, um von der Gesellschaft
anerkannt zu werden, wenn ich in einer Gesellschaft aufgewachsen wäre, die ›Schlankheit‹ nicht zu einem hohen Gut erklärt.« Ob Julia sich vorstellen kann, etwas zu finden, das die Magersucht in ihrem Leben ersetzt? »Nee, dann wäre ich ja nicht dünn«, sagt sie
und lächelt halb, wie jemand, der keine Lust hat, zum zehnten Mal etwas zu erklären, dass
eigentlich klar sein sollte. Dann drückt sie ihre Zigarette aus, lehnt sich zurück und sagt: »Ich kann mir gut vorstellen, dass ich in 20 Jahren immer noch pro bin. Egal, was sonst so ist.«
Tanja sitzt etwas zusammengefallen in ihrem roten Golf und winkt zum Abschied. Sie sieht traurig aus. Später wird sie noch eine Email schreiben: »Ich will endlich gesund werden wollen«, steht darin. <

 

Die verlorenen Seelenkinder

Die verlorenen Seelenkinder

44 Kilo zerbrechlicher Lifestyle: Der Tod und die Mädchen, die mit ihm tanzen/Jede Fünfte stirbt an Anorexie

"Ana ist eine Absage ans Leben": Mitglieder von Pro-Ana-Foren wissen meist um die Risiken ihres "Lebensstils", aber trotzdem geben sie sich Tipps, wie sie Essen vermeiden können und spornen sich gegenseitig an, immer dünner zu werden.
Internet

Sie wollen leicht wie eine Feder sein, so dünn, dass sie für die Welt unsichtbar werden: Pro Anas - junge Mädchen, die ihre Magersucht zum Lebensstil erklären. Jule hat sich mehrere Monate lang in ein Pro-Ana-Forum eingeklinkt und mit einem Mitglied der Bewegung gesprochen.

Es muss eine schöne Welt sein, wenn dort kleine Feen leben und bunte Schmetterlinge flattern. Auch Elfenkind ist in dieser Welt zu Hause. Dorthin geht sie, wenn die andere, reale Welt ihr zu anstrengend wird. Sie sich vor sich selbst ekelt. Wenn sie schwach wird, zu viel isst, danach aber alles wieder erbricht. Dann geht sie in diese Welt, in der das Leben schön und federleicht ist - und in der sie nicht allein ist, weil viele Mädchen in ihrem Alter dort leben, die so denken und fühlen wie sie und "Schwestern" für sie sind. Mehr als einhundert Schwestern hat Elfenkind in dieser schönen Welt - mehrere Millionen in der realen, in der hässlichen Welt. Und es werden täglich mehr.

Sie nennen sich "Spiegelkinder", "Perfect Angels" oder auch "Sturmwaisen". Im Internet treffen sie sich auf gleichnamigen Web-Seiten - weil ihnen allen eines gemein ist: Sie sind "pro-ana". "Ana" steht kurz für "Anorexia Nervosa", den medizinischen Fachbegriff für Magersucht. In Deutschland leiden nach Informationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 700 000 Menschen an Anorexie und Bulimie. Die Dunkelziffer liegt allerdings weit höher.

Hungern bis es schmerzt

Elfenkind, die außerhalb des Cyberspace Marie heißt, mehr gibt sie von ihrer wahren Identität nicht preis, gehört zu den "Seekis", wie sie sie liebevoll nennt, den "Seelenkindern". Die rund 168 Mitglieder der Gruppe, die es seit etwa zwei Jahren im Netz gibt, sind alle weiblich und größtenteils zwischen 17 und 30 Jahre alt. "Pro-ana" zu sein bedeutet für sie mehr als nur Fasten, es ist eine Art "Lifestyle", ein aktives Bekenntnis zur eigenen Krankheit: "Hunger schmerzt, aber Hunger hilft - Ana macht uns schön!" So steht es in den "Thinlines", den Gesetzen der Pro-Anas. Als "schön" gilt ein Body Mass Index (BMI) unter 16. Untergewicht beginnt bei einem BMI von 18. Um dieses Ziel zu erreichen, stellen die Mädchen in den Pro-Ana-Foren Regeln für die Nahrungsaufnahme auf, geben Hilfestellungen zum Kotzen nach einem "FA", einem Fressanfall, ordern übers Internet verbotene Medikamente aus dem Ausland - und spornen sich gegenseitig an, immerzu nach Perfektion zu streben. Um jeden Preis.

"Miss Magersucht" gewählt

Marie ist 17 Jahre alt. Sie ist dem großen Ziel schon sehr nah. Vor einigen Monaten ist sie zur "Miss Ana" gekürt worden. Den Wettbewerb führen die Seelenkinder regelmäßig durch, mit festen Spielregeln: Alle Teilnehmerinnen müssen sich täglich wiegen, dürfen nicht mehr als 700 Kalorien am Tag verzehren und für Sport gibt es Extra-Punkte - Siegerin ist, wer am meisten Gewicht verloren hat. Es gibt keine Krone, aber der Applaus ist der neuen "Miss" sicher: Marie hat "Idealmaße", wiegt bei einer Größe von 1,72 Metern nur noch 44 Kilogramm. Ein BMI von 14,87. Für die Mädchen ist sie ein Vorbild. Die Bewunderung tut gut, sie wärmt, wo sonst nur Kälte und Knochen das Bild vom eigenen Körper bestimmen: "Die meisten hier hassen sich und ihre Schwäche", schreibt Marie im Chat, "aber dünn sein ist für uns ein Zeichen von Stärke."

Obwohl sie körperlich schwächer werden. "Magersüchtigen fehlt jeder Zugang zu ihrem Körper", erklärt die Psychologin Doris Weipert vom "Forum für Ess-Störungen" in Wiesbaden. Die Internet-Foren seien deswegen besonders gefährlich: "Im Netz sind diese Mädchen nicht mit ihrem Körper konfrontiert, sie lösen sich vielmehr sukzessive davon." Die Folgen sind mitunter fatal: "Sie projizieren ihre Person auf Zahlen und Maße, auf eine künstliche Internet-Identität - während sie sich in der realen Welt gezielt selbst zerstören."

Künstliche Internet-Identität

Von der Außenwelt kapseln sie sich immer mehr ab: Jeder Themenbereich auf der Seite der Seelenkinder ist durch einen Code geschützt. "Außenstehende verstehen nicht, warum wir das machen", schreibt Marie, "und Gaffer oder Besserwisser wollen wir hier nicht." Was im Forum geschieht, muss geheim bleiben - "Seekis" verraten sich nicht gegenseitig.

"Das ist wie eine Pseudo-Clique oder Sekte", meint Weipert. "Magersüchtige sind in der Gesellschaft oft isoliert, weil ihre Zerbrechlichkeit den gesunden Menschen um sie herum Angst macht." In den Foren fänden sie dagegen Anschluss, Leidensgenossinnen und das Gefühl, nicht "gestört" zu sein, sondern normal und akzeptiert. Auf eine trotzige Weise überlegen, weil sie den Hunger besiegt haben. "Die soziale Komponente ist zum einen positiv, zum anderen aber sehr gefährlich", so Weipert.

Schöne falsche Welt

Die Mädchen verlieren sich in ihrer selbst geschaffenen, bunten und auf perfide Weise Trost versprechenden Kunstwelt - die keine Heilung bringt, sondern den Krankheitsverlauf meist noch forciert.

Doch der Gedanke an den Tod kann die Pro-Ana-Anhängerinnen nicht schrecken. Sie nehmen ihn bewusst in Kauf: "Ana ist eine klare Absage ans Leben", gesteht "Trauertränchen 87" in ihrem Online-Tagebuch offen ein. Der Tod ist für die Pro-Anas wie ein ständiger Begleiter, einer mit dem sie tanzen: "Wir wissen, dass wir über dem Abgrund des Todes tanzen und jederzeit abstürzen können", schreibt ein Mädchen, "aber wir wissen auch, wie atemberaubend schön unser Tanz aussieht und wir spüren das Gefühl der Leichtigkeit, mit dem er uns erfüllt." Ein Tanz, der viele Mädchen nicht mehr loslässt.

"Ana" treu bis zum Ende

Die letzten Schritte in diesem Reigen führen unter Bilder von düsteren Gewitterwolken: "Ana till the End" heißt das Forum, das auf Pro-Ana-Foren oft ganz unten steht - unter den Fressattacken, den Bulimie-Foren und den Pillen-Tipps.

"Einige Mädchen haben sich damit abgefunden, an Ana sterben zu können", schreibt Marie. Bei den Seelenkindern gebe es diesen Bereich nicht, und sie selbst suche nicht danach. Umbringen wolle sie sich ja nicht und vielleicht werde sie das Forum auch verlassen. Erst müsse sie aber noch ein paar Kilos verlieren. Und die Wahl zur "Miss Ana" wieder gewinnen. Solange will sie noch bleiben, in der Welt der Seelenkinder, in der bunte Schmetterlinge flattern, zarte Feen auf Bildern zu sehen sind und Elfenkinder wie sie das Tanzen lernen. Solange will sie noch in dieser "schönen" Welt bleiben.



Grausam genial und gewissenlos gefährlich



Essgestörte haben das Internet entdeckt und versichern sich in eigenen Foren, dass dünn wichtiger sei als gesund.

Lena schüttelt den Kopf. „Pro Ana ist grausam genial und deshalb wahnsinnig gefährlich“, sagt sie. „Pro Ana“ ist die Bezeichnung für diverse Internetforen, in denen sich Essgestörte treffen, um sich gegenseitig zum Abnehmen zu motivieren. „Ana“ steht für Anorexia nervosa, also Magersucht. Bulimiekranke, also Ess-Brechsüchtige, tauschen ihre Erfahrungen auf Pro-Mia-Seiten aus. Ana und Mia sind zur „besten Freundin“ erschreckend vieler junger Mädchen geworden. Die Anhängerinnen sind sich ihrer Krankheit durchaus bewusst, sind aber sogar stolz darauf, lebensbedrohlich abgemagert zu sein. Ihre Essstörung verstehen sie als Lebensgefühl. Auch Lena hat sich kritisch mit der Internet-Bewegung auseinandergesetzt.
Sie weiß, um was es geht, denn die Studentin war früher selbst magersüchtig. Gerade mal 40 Kilo wog sie bei einer Größe von 1,66 Metern. Wenn sie in Pro-Ana-Foren Fragen liest wie „Wie kann ich in der Schwangerschaft hungern, ohne mein Kind zu gefährden?“, wird ihr richtig übel. „Das ist so unverantwortlich und echt das Letzte“, empört sie sich.
Die meisten Mitglieder in den Foren sind Mädchen; das männliche Geschlecht beteiligt sich nur als Fan. Gesteht etwa, herausstehende Rippen sexy zu finden. Lena ist sich sicher: „Mit 15 wäre ich von Pro Ana auch begeistert gewesen. Vor allem wegen der Abnehm-Tipps oder der Tricks, wie man seine Krankheit am besten versteckt. Danach lechzt jede Magersüchtige.“

Anleitungen zur Selbstzerstörung

Die heute 26-jährige Lena hatte keine Verbündeten, wenn sie in Saft getränkte Wattebällchen schluckte, um den quälenden Hunger zu betäuben oder sich nach jedem Essen übergab, irgendwann automatisch, ohne sich den Finger in den Hals zu stecken. Erst als ihre Speiseröhre verätzt war, die Zähne anfingen zu wackeln und ihr Kreislauf so schwach war, dass sie ständig in Ohnmacht fiel, erkannte Lena, dass sie etwas ändern musste. Sie wollte schlank sein, sterben wollte sie nicht. Lena hat Glück gehabt, dass sich ihr Überlebenswille am Ende durchgesetzt hat. „Nicht wenige Magersüchtige hungern sich zu Tode“, weiß Wolfgang Gradel, niedergelassener Hausarzt und Regionaler Vorstandsbeauftragter der Kassenärztlichen Vereinigung für Niederbayern. Brüchige Knochen, Herz-Rhythmus-Störungen, Nierenversagen, immer wiederkehrende Infekte, Risse in der Speiseröhre, die zum Verbluten führen können: Die Liste der gesundheitlichen Folgen von Appetitzüglern, Abführmitteln und ständigem Hungern ist lang. „Dünn sein ist wichtiger als gesund sein“, behauptet Pro Ana lapidar dazu. „Ich verstehe nicht, warum solche Anleitungen zur Selbstzerstörung nicht verboten sind“, ärgert sich Gradel. Tatsächlich können Pro-Ana-Mitglieder legal ihre Tipps und Tricks im Internet austauschen. Seitdem die
Schrei nach Aufmerksamkeit

Medien auf das Thema aufmerksam geworden sind und das unverantwortliche Treiben anprangern, haben sich allerdings schon etliche Foren selbst aufgelöst. Für Wolfgang Gradel hat Pro Ana sektenähnlichen Charakter. „Die Kontrolle und Macht über den eigenen Körper wird propagiert, aber genau diese Kontrolle verlieren die Mädchen im Rausch des Hungerns“, warnt er. Lena erinnert sich an ihren ungeheuren Hass auf sich selbst und den eigenen Körper. Sie blättert in den Seiten ihrer alten Tagebücher. Totenköpfe hat sie auf eine Seite gekritzelt. Daneben geschrieben: „Du bist nichts. Du bist schwach. Du fette Sau.“ Aber mit dem perfekten Körper werde alles anders werden, daran hat Lena fest geglaubt. „In der Schule“, erzählt sie, „ist den Jungs aufgefallen, dass ich abgenommen hatte. Sie fanden mich richtig cool.“ Das wurde zum Schlüsselerlebnis. Für Lena war klar: „Dünne werden ernst genommen.“ Pro Ana drückt es so aus: „Dicke sind so riesig. Leute sehen trotzdem durch sie hindurch.“
In der Werbung, auf den Laufstegen, in den Modezeitschriften wird es schließlich vorgemacht. „Nur dünne Mädchen sind auf riesigen Plakaten zu sehen“, sagt Lena. Tatsächlich sind Essstörungen eine Zivilisationskrankheit. In Europa, Amerika und Japan grassiert sie, in anderen Teilen der Welt ist sie gänzlich unbekannt. „Magersucht ist ein Schrei nach Aufmerksamkeit. Und oft resultiert sie aus Identifikationsproblemen mit der eigenen Weiblichkeit“, erklärt Gradel. Der Passauer Psychotherapeut Mathias Hartmann sieht noch einen weiteren möglichen Beweggrund: „Das Skelett soll durch das Hungern sichtbar werden“, erklärt er, „das erinnert uns an Endzustände des Daseins, ein Anblick, den unsere Spaßgesellschaft gezielt vermeidet.“ Für Hartmann ist Pro Ana somit auch eine „Revolte gegen den Zeitgeist“. Lena ist mit Hilfe ihres Therapeuten und der eigenen Willensstärke aus der Magersucht ausgebrochen. „Ich lebe gesund, esse viel Obst und Gemüse, treibe Sport“, erzählt sie. Den gesellschaftlichen Vorstellungen von Schönheit kann sie aber immer noch nicht ganz entfliehen. „Kate Moss finde ich immer noch toll“, gibt sie zu, „und ich will immer noch dünn sein. Aber jetzt wähle ich den gesunden Weg.“

 

Main

Refresh Book Read

About

Miss Weight Ziele Twin!

Ablenkung

Anas Brief Fragebogen 40 reasons Things to do Artikel

Thinspire

Models 1 2 3 4 5

Friends

Bella Rotten.Apple

Credits

Coco Bittersweet
Gratis bloggen bei
myblog.de